Bjoern Steinbrink, Vorsitzender von fair-dienen.net, begrüßte bei unserem letzten Treffen einen besonderen Gast: Miriam Scherff, Oberbürgermeisterin der Stadt Wuppertal. Was folgte, war kein Pressetermin, kein vorbereitetes Statement, sondern ein offenes Gespräch. Direkt, ehrlich und mit einem klaren Bild davon, wo die Stadt steht und wo sie hinwill.
Kein 5-Jahres-Denken
Gleich zu Beginn räumt Scherff mit einem gängigen politischen Muster auf. Der klassische 5-Jahres-Rhythmus sei ihr zu kurz. Wuppertal denkt in 15 Jahren. Die kurzfristigen Prioritäten sind klar: Der Unternehmensservice der Wirtschaftsförderung soll ausgebaut werden, die Bildungsinfrastruktur braucht mehr Investitionen, und das Bündnis für Chancengerechtigkeit soll als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Nicht als Verwaltungsthema, sondern als Aufgabe aller Akteure in der Stadt.
Bürokratie und wo sie klemmt
Dienstanweisungen überprüfen, Prozesse dokumentieren, Aufgaben neu verteilen. Klingt nüchtern, ist aber das, was Verwaltung wirklich verändert. Scherff spricht von Aufgabenkritik: Was wird von wem sinnvollerweise übernommen? Und Digitalisierung ja, aber erst nach Prozessoptimierung. Schlechte Prozesse zu digitalisieren macht sie nicht besser.
Ein konkretes Beispiel, das aufhorchen lässt: KI im Baugenehmigungsverfahren. Ein Referent aus Berlin soll nach Wuppertal eingeladen werden. Das Ziel: Bauanträge werden von KI auf Inkonsistenzen geprüft. Entlastung der Verwaltung, schnellere Genehmigungen. Das ist kein Zukunftsprojekt, das ist in Planung.
Gefragt, ob in einer Amtszeit überhaupt etwas zu bewegen ist, antwortet sie nüchtern: Bei Prozessen optimistisch. Digitalisierung werde von außen gebremst, das sei real. Aber aufhören zu versuchen? Keine Option.
Kita, Sporthallen, Fahrradwege
Scherff ist selbst Mutter einer Fünfjährigen und kennt das Problem mit Betreuungsausfällen nicht nur aus der Verwaltung. 11 Kita-Neubauten sind geplant, sollen innerhalb von zwei Jahren in Betrieb gehen. Für den offenen Ganztag werden 150 Gruppen mit je 5.000 Euro gefördert, damit keine Schließungen nötig werden. Das wurde in der letzten Ratssitzung beschlossen.
Sporthallen
Das letzte Haushaltssicherungskonzept hat Schäden hinterlassen. Die Halle in der Echoer Straße wird saniert, Neubauten sind geplant. Aufholen dauert.
Fahrradwege
Wuppertal macht mehr als wahrgenommen wird. Die Hatzfeldtrasse kommt. Wo keine Radwege gebaut werden können, entstehen Fahrradstraßen. Das Gesetz schreibt vor: Einbahnstraßen werden zu Fahrradstraßen, wenn keine triftigen Gründe dagegen sprechen. Wuppertal ist eine Autofahrerstadt, sagt Scherff. Der Wandel kommt, aber langsam. Auch im Kopf.
BUGA: im Zeitplan, besser als ihr Ruf
Die Bundesgartenschau läuft nach Plan. Bauleitpläne laufen, Investoren für die Zoo-Säle werden bis Ende 2026 gesucht, Seilbahn und Hängebrücke nähern sich der Investorensuche. Kritiker gibt es, aber Scherff beobachtet: Die Lauten sind nicht die Mehrheit. Bei Veranstaltungen überwiegt die Zustimmung. Und je mehr die Menschen verstehen, was die BUGA konkret bringt, desto größer wird die Akzeptanz.
Olympia-Abstimmung: Wuppertal im oberen Drittel
Scherff gibt es offen zu: Sie war überrascht. Und erfreut. Wuppertal landete beim Olympia-Votum im oberen Drittel der Kommunen, ohne die üblichen Gegeninitiativen, die sonst so verlässlich entstehen. Ihre Einschätzung: Die Bürgerinnen und Bürger der Stadt sind mutiger als ihr Ruf.
Was die Stadt mittelfristig kann
Pina Bausch. Wuppertaler Bühnen mit Symphonieorchester. Von der Heydt-Museum. Eine freie Szene, die international wahrgenommen wird. Eine Stadthalle, die sich für Kongresse öffnet. Scherff will das mit einem neuen Stadtmarketing-Konzept stärker nach außen tragen, mit vielen Akteuren gemeinsam.
Was noch fehlt: eine Eventhalle für bis zu 5.000 Menschen. Sandra Zeh leitet dazu eine Arbeitsgruppe. Standortflächen sind überschaubar, aber das Thema ist auf dem Tisch.
Drogenmilieu: ehrliche Einschätzung
Wuppertal ist zu einer Hochburg des Crack-Handels geworden. Scherff macht keine Ausrede daraus, benennt aber den Kontext: Das ist eine bundesweite Entwicklung, kein Wuppertaler Sonderproblem. Der Umstieg von Heroin auf Crack hat die Lage verschärft. Man hätte früher reagieren können, sagt sie. Das Café Cosa bekommt einen neuen Standort, bleibt aber im Umfeld des Hauptbahnhofs. Die Öffnungszeiten werden auf den Samstag ausgeweitet. Das Züricher Modell, kein öffentlicher Konsum, kein Konsum im Sichtfeld, ist die Richtung.
Was KMU erwarten können
Konkret auf Unternehmen angesprochen, nennt Scherff drei Punkte: Startups sollen besser eingebunden werden, ein Hub fehlt noch. Die Verwaltung soll zur Service-Verwaltung werden, Digitalisierung als Serviceversprechen an Unternehmen. Und bis 2030: ein Kita-Platz für jedes Kind ab drei Jahren. Wer Fachkräfte halten oder gewinnen will, braucht das.
Demografischer Wandel trifft auch die Verwaltung
4.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden die Stadtverwaltung in den nächsten Jahren verlassen. 418 Stellen sind ungedeckt. Scherff spricht offen darüber: Aufgaben priorisieren, neue Profile einstellen, Digitalisierung als Ausweg, aber auch Mitarbeiterbindung als Konzept. Daran wird gearbeitet.
Das Gespräch mit Miriam Scherff hat eines deutlich gemacht: Wuppertal denkt langfristiger, als es manchmal aussieht. Und die Oberbürgermeisterin redet nicht um den heißen Brei herum.

